Leseproben aus dem Buch.... 

Das Weibliche und Männliche verschmelzen

 

Aus dem Buch Seite 269 bis 271

 

In weniger als einer Minute fing mein Körper an, von vorne nach hinten zu schwanken; mein Kopf rollte in Wellen hoch und runter. Die Bewegungen waren ähnlich wie die, die ich in dem Hotel in Puno erfahren hatte, allerdings war nicht zu leugnen, dass diese Energie beherrschender war.

 

 

Schwingungen strömten in starken Wellen von Kraft durch mich hindurch. Ich war froh, da ich dachte, sie würden mich vielleicht warm halten. Die Bewegung ähnelte nicht einem Zittern, sie war geschmeidig und wellenähnlich und gewann exponentiell an Intensität. Laut zu den Kräften des Universums sprechend, äußerte ich meine Akzeptanz, meinen Teil in diesem kosmischen Tanz beizutragen: „Ich bitte nun im Namen des göttlich Weiblichen darum, dass die Kräfte der Erde mit mir sind. Ich wähle es, diese Kräfte in meinem Sein zu sammeln und mich mit meinem Seelen-Bruder Mallku zu verbinden, welcher die männlichen Energien des Planeten im Tempel des Vaters sammelt.“ Ich glaubte daran, dass wir irgendwie wissen würden, wann jeder von uns diese Energien in seinem Körper und seiner Seele aufgenommen hatte, und dann würden wir verschmelzen, uns vereinen und die Trennung zwischen dem Männlichen und Weiblichen heilen. Ich fuhr damit fort, laut auszusprechen: „Wir sind an diesem Morgen gekommen, um die Göttliche Weiblichkeit und die Göttliche Männlichkeit zu heilen. Wir sind zwei Seelen, die dem Aufruf gefolgt sind. Wir sind gekommen.“

Meine Atmung wurde schwer wie bei einer Geburt. Mein Körper wogte in sinuskurvenähnlichen, rhythmischen Bewegungen. Mein Oberkörper wölbte sich wiederholt, drängte sich hin zum Altar, während Flutwellen von Energie durch mich hindurch strömten. Wolken bewegten sich in den Tempel hinein, umgaben mich mit kalter Feuchtigkeit. „Sollte sich dies nicht gut anfühlen?“ fragte ich mich. „Was passiert? Mache ich es richtig?“

Verwirrt fühlte ich nach einigen Minuten die rollenden Wellen in meinem Körper langsamer werden, bis sie schließlich aufhörten. Ich wartete, während die Energien zum Stillstand kamen. In diesem Moment war ich die menschliche Verkörperung der gesamten Weiblichen Energie des Universums. In der Stille, die daraufhin folgte, begann mein Bewusstsein, die Leere zu durchqueren, den Raum von Frieden und dem Nichts zwischen dem Weiblichen und Männlichen. Meine Seele, nun das göttlich Weibliche umfassend, reiste hinaus, um die göttlich männlichen Energien zu treffen, verkörpert durch Mallku. Der Wind böte plötzlich im Inneren des Tempels auf und ein Vogel schrie in der Nähe. Ich fuhr vor Schreck hoch.

Dann fing es an meinen Knien an. Sie begannen, schnell aufeinander zu und voneinander weg zu schaukeln, was verursachte, dass mein ganzer Körper von einer Seite zur anderen schwang. Das war anders im Gegensatz zu der vorherigen Bewegung, die von vorne nach hinten ging. Ich schloss daraus, dass dies bedeutete, ich hatte mich mit Mallku's Geist und den Energien des Universellen Männlichen verbunden. Mein Becken, meine Schultern und mein Kopf pulsierten heftig vor und zurück. „Ich bitte um die Verschmelzung, die Vereinigung des Männlichen und Weiblichen. Ich bitte darum, die Trennung aufzuheben, die wir auf der Erde erfahren, und die Polarität auf unserem Planeten zu heilen. Ich bitte darum, mich in das Eins- Sein mit meinem Seelen-Bruder Mallku hinein zu bewegen. Ich bin der Adler und er ist der Kondor. Ich bitte um all dies für die gesamte Menschheit, während ich hier in diesem geheiligten Tempel auf dieser heiligen Insel sitze.“ Ich seufzte. Meine Atmung wurde schwerer, während meine Knie sich schnell nach innen und außen bewegten, gegeneinander. Meine Schultern bewegten sich vor und zurück, nicht sich schüttelnd, sondern eher sich verdrehend. Dann fing mein Oberkörper an, bei dieser Aktion mitzumachen.

Diese ganze Bewegung war seltsam, während mein Körper auf Kräfte antwortete, die außerhalb meiner Kontrolle lagen. Dennoch fühlte ich mich sicher, gut geerdet und vollkommen dazu fähig, das zu tun, was ich tun musste.

Das Schütteln meines Körpers wechselte von den Seitwärts- Bewegungen zu einer vor- und zurückgehenden, wellenartigen Bewegung, welche so war, wie die weibliche Energie zuerst begonnen hatte. Nun waren die Kraft, die durch mich hindurch strömte, und die Stärke der Bewegung explosiv. Es war ein Kundalini-Feuersturm, der stromschlagartig jede Faser meines Körpers durchfuhr. Mein Nacken war müde von dem hoch und runter Gehüpfe. Ich wusste irgendwie, dass die starke Bewegung von der Vereinigung des Weiblichen mit dem Männlichen herkam. Ich konnte nicht länger den inneren Zyklus der Mondenergie meiner weiblichen Seite als getrennt von der Sonnen- oder männlichen Energie meines Körpers fühlen.

Sie waren fest verschmolzen zu einer einzigen Erfahrung. Mein Becken bewegte sich nach vorne und hinten, drängte sich gegen den Phallus auf dem Altar vor mir. Schneller und schneller krümmte sich mein Körper im Orgasmus. Meine Atmung erreichte einen Höhepunkt. White Eagle sagte, dass Mallku und ich zusammenkommen würden wie zwei lebende Drähte, die sich berühren. Ja, aber es war nicht so, wie ich es erwartet hatte; nichts davon fühlte sich sexuell an. Es war ein Energie-Orgasmus, der nichts mit sexuellem Vergnügen zu tun hatte. Ich muss zugeben, dass ich enttäuscht war.

Anstatt die Erde auf eine unvergessliche, orgiastische Weise zu bewegen, fühlte ich mich einfach nur seltsam. Das war es. Das war die Vereinigung des Männlichen und des Weiblichen. Meine und Mallku's Energie verschmolzen miteinander zu einer einzigen. Es gab noch mehr Seufzer, noch mehr Schütteln, schnellere, unwillkürlichere Bewegungen, als Energie-Wellen in einer elektrisierenden Vereinigung von mir Besitz ergriffen. „Im Namen der Kosmischen Mutter, des göttlich Männlichen und Weiblichen und des Dienstes am Planeten bitte ich, dass sämtliche Polaritäten jedweder Art geheilt werden.“ Ein sanftes Wimmern entschlüpfte meinen Lippen, als die Energien langsam erstarben.

Die kraftvollen Wellen hatten aufgehört, verließen mich, und ich fühlte eine neue Stille, die ähnlich wie die Leere war, durch die ich zu einem früheren Zeitpunkt gegangen bin, als mein Bewusstsein sich in Richtung von Mallku's Geist bewegt hat. Es fühlte sich friedvoll und vollständig an. Es war der leere, aber kraftvolle Raum, nachdem Materie und Anti-Materie miteinander kollidierten. Männlichkeit und Weiblichkeit hatten sich gegenseitig ausgelöscht, um zu einer Einheit zu werden. Wofür auch immer ich gekommen war, um es zu tun, wurde getan. Es war erst 5.30 Uhr morgens und mir war kalt, richtig kalt……

 

ISBN 9783732 292448

 

 

 

Der Adler & Der Kondor - Seite 2

 

Ein ansonsten normales Leben

In den ersten dreißig Jahren meines Lebens tauchten keine Stimmen in meinem Kopf auf und ich hatte auch keine ungewöhnlichen Visionen. Im Alter von zwölf Jahren bestand mein Hellsehen darin, mich wie eine Zigeunerin zu verkleiden und so zu tun, als würde ich für die Nachbarskinder mit Hilfe eines Packens Spielkarten die Zukunft vorhersagen.

Aufgewachsen in einem Vorort von Denver als die Älteste in einer großen, katholischen Familie, bin ich durch alle Phasen eines typischen, jungen Mädchens gegangen, die entscheidend für ihr Schicksal sind. In der zweiten Klasse wollte ich Nonne werden; in der vierten Klasse Missionarin; in der sechsten Klasse Lehrerin. In der Schule hervorragend und von Natur aus selbstlos, legte ich mich darauf fest, Kinderärztin zu werden. Natürlich würde ich keins von alledem werden.

Während dieser Jahre zu Hause gingen wir jeden Sonntag in die Messe und zur Beichte, nachdem uns unsere Mutter daran erinnert hat, wie gemein wir zu unseren Geschwistern gewesen sind. So wie alle guten katholischen Kinder trugen wir Wettbewerbe aus, wer am schnellsten hintereinander zehn Ave-Maria aufsagen konnte………..

 

ISBN 9783732 292448

 

 

 

Der Adler & Der Kondor  Seite 52

 

Sue’s Berg: Ama Dablam

 

Von Anfang an hielt unser spirituelles Abenteuer nach Nepal im April 2003 unerwartete Überraschungen bereit. Ein eher abgenutztes, 18-sitziges Flugzeug der Gorka Air transportierte uns aus Kathmandu heraus zu einer Flugpiste bei Lukla in der Everest-Region. Die Startbahn, die mehr als 2743 Meter über dem Meeresspiegel liegt, ist prekärer Weise aus dem Berg selbst herausgehauen worden. Sie ist nur 519 Meter kurz, so kurz, dass es eher einer Landung auf einem Flugzeugträger gleicht.

Pema,9 unser Sherpa-Reiseleiter, den Ed und ich im vorigen Sommer auf dem Gipfel von Colorado's höchstem Berg getroffen haben, wartete in Lukla mit unserem Expeditionsteam auf uns. Wir hatten zwei Köche, eingeflogen aus Kathmandu, drei Sherpa-Reiseleiter und vier Küchenjungs. Zehn Träger trugen die ganze Ausrüstung in Körben auf ihrem Rücken, festgeschnallt mit Riemen um ihre Stirn. Sobald wir in größere Höhenbereiche kamen, benutzten wir Yaks, die einen Teil der Ausrüstung trugen.

In der amerikanischen Umgangssprache bedeutet das Wort „Sherpa“ Träger bei Wanderungen. Tatsächlich jedoch sind die Sherpa ein Volk und eine kulturelle Gruppe, bestehend aus ethnischen Tibetern, die vor über 300 Jahren von Tibet in die heutige sogenannte Everest-Region von Nepal ausgewandert sind. Sie praktizieren einen sehr traditionellen Nebenzweig des Buddhismus unter Berücksichtigung des Glaubens an eine Vielzahl von Naturgeistern. Ich fand es faszinierend, dass jeder Nachname bei den Sherpas Sherpa ist. Zum Beispiel lautet der vollständige Name unseres Reiseleiters Pema „Pema Dorji Sherpa“. Und um das Ganze für Ausländer noch verwirrender zu machen, wird dem Sherpa-Kind, unabhängig von seinem Geschlecht, der Vorname abhängig vom Wochentag seiner oder ihrer Geburt gegeben.

Nach zwei Tagen zermürbendem bergauf Wandern zelteten wir an einer Stelle oberhalb von Namche Bazaar, der größten Stadt in der Khumbuoder Everest-Region und Hauptstadt der Sherpa. Für unsere erste Gruppenmeditation versammelten sich zwölf von uns vor dem Abendessen in dem Zelt, das als Speiseraum diente. Das dreizehnte Mitglied unserer Gruppe, mein jugendlicher Neffe John, war in unserem Zelt zusammengebrochen. Er war auf Grund von Magenproblemen so krank, dass er froh gewesen war, mit einem Hubschrauber von hier weg transportiert zu werden und die ganze Kletterei hinter sich zu lassen. Der Rest von uns hockte auf unseren Campingstühlen; unsere Plastikkrüge mit dampfendem Tee standen vor uns auf einem Klapptisch.

Ich fing an, Mark zu channeln, der uns in eine Meditation führte, um uns mit den Bergen, der Natur, den Einheimischen und mit jedem anderen zu verbinden. Während der Hälfte wurde unser friedlicher Zustand durch einen Ausbruch von lautem, abscheulichem Schnarchen erschüttert

 

ISBN 9783732 292448

 

 

 

Der Adler & Der Kondor - Seite 63

 

 

Wir wanderten insgesamt vierzehn Tage lang auf dem Rundweg zwischen Lukla und dem Basis Camp am Everest. Unser höchster Lagerplatz war auf 5180 Metern bei der winzigen Siedlung Lobuche. Das Alter der Teilnehmer in unserer Gruppe reichte von siebzehn Jahren bis in die späten fünfziger, wobei die meisten Personen über fünfundvierzig waren. Wir repräsentierten alle Variationen von Fitness, keiner hatte alpine Erfahrung. Auf der Wanderung hatten wir den uns eigenen Rhythmus und fügten, wenn wir konnten, Meditationen ein.

Wie man vielleicht erwartet haben konnte, litt unsere Gruppe unter den verschiedensten Krankheiten. Die meisten von uns hatten so etwas wie Verdauungsprobleme; eins davon wurde sehr ernst. Wir mussten Ralph Johnson, einen agilen und kräftigen Mann aus Stockholm, in Pheriche zurücklassen, einer Stadt mit der Klinik, die die Everest-Expeditionen betreut. Ihm ging es dann nach ein paar Antibiotika-Gaben und ein paar Tagen Ruhe wieder besser.

Glücklicherweise war ein Mitglied der Gruppe, Yolanda Gröneveld, Ärztin mit Spezialisierung in Akupunktur. Sie war immer damit beschäftigt, Zelt-Termine abzuhalten. Pema, unser führender Sherpa-Reiseleiter, sah mit wachsamem Interesse zu, wie Yolanda die Akupunktur dazu benutze, Höhenkrankheit, Darmprobleme und Beinschmerzen zu behandeln…….

 

ISBN 9783732 292448

 

 

 

Der Adler & Der Kondor Seite 71/72

 

Dein Anden-Bruder

 

Sobald ich nachgegeben hatte und damit einverstanden war, eine Gruppenreise nach Südamerika zu organisieren, kontaktierte ich meine Freundin Asa Levine in Stockholm. Sie führte jährlich Reisen nach Peru durch und empfahl i n hohem Maße ihr e n Re i s e l e i t e r und Reiseverkehrskaufmann Mallku. „Nichts Schlimmes ist je passiert, wenn Mallku dabei war“, versicherte sie mir.

Ich schrieb Mallku Arévalo in Cusco eine E-Mail. Sein Programmablauf passte zu meinen Plänen; sein Preis war fair. Er ist auch auf einem spirituellen Weg, somit war er bereit, als zusätzlichen Bonus spezielle Anden-Zeremonien abzuhalten. Seine E-Mails an mich waren geradeheraus und klar, niedlich unterzeichnet mit „Dein Anden-Bruder.“ Seine Webseite war gut gestaltet.13 Sein Bild zeigte eine Adlernase und die hohen Wangenknochen der peruanischen Indianer, Alter irgendwas in den Dreißigern, ziemlich gutaussehend auf einheimische Weise. Seine glatten, schwarzen Haare fielen ihm bis über seine Schultern. Das Foto zeigte ihn bekleidet als Schamanen, ein Stirnband und ein zeremonielles Kostüm tragend, mit den smaragdgrünen Bergen des Machu Picchu im Hintergrund.

Er hatte mehrere Bücher über Machu Picchu und die Anden- Spiritualität veröffentlicht. Er war außerdem noch Künstler und professioneller Fotograf. Ich war überzeugt. Er würde unser Reiseleiter in Peru sein.

Tief in mir drin bewegte sich etwas anderes. Ich konnte Mallku spüren.

Es fing an, als ich zum ersten Mal sein Foto auf seiner Webseite sah. Seine Energie kam zu mir, wenn ich seine E-Mails las. Er antwortete umgehend und sorgfältig auf meine endlosen, logistischen Nachfragen. Es war nie irgendetwas Persönliches in der Korrespondenz und doch fühlte ich mich stark und persönlich mit ihm verbunden. Wenn er mit „Dein Anden-Bruder“ unterschrieb, erkannte ich seine Seele! Er ist wahrhaftig mein Bruder. Mein Herz öffnete sich auf eine höchst überraschende Weise. Ich hatte noch niemals so etwas wie diese Gefühle, die ich für Mallku hatte, erfahren. Es war untypisch für mich, in jemanden verknallt zu sein. Ich fing an, mit meinen Freundinnen herumzualbern, dass ich mich in unseren peruanischen Reiseleiter verliebt hatte, den ich noch nie getroffen hatte. Hatte ich erwähnt, dass ich gerade fünfzig geworden war und glücklich verheiratet war? Ich erzählte meinem Mann Ed, was passiert war. „Ich v e r s p r e c h e , n i c h t  m i t  i h m durchzubrennen“, sagte ich und wir beide lachten…….

 

ISBN 9783732 292448

 

 

 

Der Adler & Der Kondor Seite 90 - 92

 

Die Weisheit der Großmütter

Die letzte Sache, die Woableza uns an diesem Abend mitteilte, hat mich seither verfolgt. Er entrollte eine 90x150 cm große Zeichnung auf Leinwand, die eine Kopie der mysteriösen Felszeichnung darstellte, die in einer Höhle auf dem Gebiet der Navajo in New Mexiko gefunden wurde das Original der Felszeichnung wird auf die Zeit vor der Geschichte der Navajo in dieser Region zurückdatiert. Obwohl Unsicherheit darüber herrscht, wer es gemalt hat und was es bedeutet, bewachen es die Ältesten der Navajo auf das Schärfste, wie eine geheiligte Stätte. Neulich haben sie sich versammelt, um zu beten und um die Bedeutung der alten Höhlenmalerei zu studieren, wissend, dass es eine zeitlose Prophezeiung ist, die es aufzudecken gilt. Es war ein Strichmännchen-Mensch ohne Mund, aber mit Augen, Nase und etwas, das so aussieht wie ein Fahrradlenker-Schnurrbart, der nach unten zeigt, und einem Körper, bestehend aus zwei Seite-an-Seite liegenden, langen, schmalen Rechtecken. Die Arme sind mit den Händen nach oben im 90 Grad-Winkel gehalten, die Handflächen zeigen nach außen, die Finger sind unterschiedlich. Die Figur steht auf und ist verwurzelt mit einer Halbkugel, die möglicherweise die Erde darstellt. Auf ihrem Kopf sitzt ein zweizackiger Hut. Der sinnträchtigste Anteil dieser Zeichnung ist eine wellenförmige Linie außerhalb und links von der Figur, die auf den rechteckigen Körper in Höhe der Brust trifft und eine identische wellenförmige Linie, die das rechte Rechteck ebenfalls in Brusthöhe kreuzt.

Woableza erklärte, dass die indianischen Ältesten sagen, es sei eine Prophezeiung in Form einer Zeitlinie, die von oben nach unten gelesen wird. Sie glauben, dass der spitze Hut, der ein bisschen so aussieht wie der des Papstes, auf die Probleme der Katholischen Kirche in Bezug auf die Pädophilen hinweist und den sexuellen Missbrauch innerhalb der Priesterschaft. Die nach oben gestreckten Arme symbolisieren das weltweite Ausmaß dieses Skandals. Die wellenförmigen Linien, die auf die zwei senkrechten, zusammengefügten Rechtecke treffen, repräsentieren die zwei Flugzeuge, die in die Türme des World Trade Center gestürzt sind. Die Wurzeln, wo die Füße der Figur in die Halbkugel reichen, sehen für die Ältesten aus wie Flammen, die aus einer Rakete kommen. Dieser Teil der Botschaft rief, laut Woableza, ernste Besorgnis hervor, weil er beträchtliches Unglück oder Zerstörung repräsentiert.

Doch jede Untergangsprophezeiung enthält auch, den Indianern zufolge, eine Antwort der Hoffnung. Wenn man verkehrt herum auf die Zeichnung schaut, dann werden die Wurzeln zu den nach oben gebogenen Äste des Lebensbaumes. Der zweizackige Hut symbolisiert den Busen der Frauen. Woableza's letzte Worte fassten die Bedeutung zusammen, die durch die Jahrhunderte hinweg uns heute mitgeteilt werden: „Die Frauen haben die Antworten. Um die Menschheit zu retten, müssen die Männer zur Seite tretenund auf die Weisheit der Großmütter hören.“

Während der ganzen Zeit, in der Woableza sprach, die Aspekte der Zeichnung betonend und das Verständnis von dessen Botschaft, die ihm von den Ältesten der Navajo gegeben wurde, sagte mein Gehirn ständig: „Das ist nicht richtig! Ihre Interpretation ist nicht korrekt!“ Ich fühlte ganz stark, dass diese Prophezeiung so viel weitreichender und viel universeller war als Ereignisse in unserer modernen Zivilisation. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein altes Orakel, eine in eine Höhle gemalte Botschaft für die Nachfahren, sich für unser World Trade Center interessieren würde oder für einen Skandal in unserer religiösen Institution. Vielleicht, weil Woableza gerade damit geendet hatte, uns die Geschichte vom Adler und dem Kondor zu erzählen, war ich sicher, dass die wellenförmigen Linien gar keine Flugzeuge waren, die die Türme trafen, sondern das Zusammenkommen von zwei Welten in Form zweier Vögel symbolisierten, die in das Herz der Figur hineinfliegen, die geteilten Rechtecke seines Körpers heilend - der Adler und der Kondor.

Mein Verstand stritt vehement mit sich selbst: „Wer bin ich, um der Weisheit der Navajo-Ältesten zu widersprechen, die die Zeichnung entziffert haben, die auf ihrem Heiligen Land gefunden wurde? Ich muss falsch liegen“, dachte ich. „Ich bin auf diese Lösung nur deshalb angesprungen, weil die Prophezeiung vom Adler und dem Kondor noch so frisch in meinem Kopf ist.“ So sehr ich auch versuchte, meine Version der Zeichnung zu verdrängen, so konnte ich sie doch nie aus meinen Gedanken bekommen. Wir werden es niemals sicher wissen, was die alten Höhlenmaler versuchten zu vermitteln, aber nun sehe ich diesen Vorfall als persönlichen Test an. „Bin ich bereit, meinem Instinkt zu vertrauen, auch wenn dieser entgegen der Wortevon Autoritäten steht?“

Wenn ich wirklich auf Woableza's Zusammenfassung höre, dann wird die Zeichnung selbst mich führen. „Die Frauen haben die Antworten... wir Männer müssen zur Seite treten und auf die Weisheit der Großmütter hören.“

 

ISBN 9783732 292448

 

 

 

Der Adler & Der Kondor - Seite 260 - 262

 

Mythen der Aymara

Die anderen zwölf Reisenden auf unserem Boot repräsentierten eine vielseitige Gruppe aus neun verschiedenen Ländern. Zusätzlich zum Kapitän und seiner Ein-Mann-Crew hatten wir Andres, einen einheimischen Aymara- Mann als unseren Englisch sprechenden Reiseleiter. Obwohl sein Englisch schwer zu verstehen war, beantwortete Andres begeistert meine Fragen. Er erzählte mir, dass sein Vater, der zum Lupaca-Volk gehört, ein Schamane und Heiler ist. Ich machte so gut es ging Notizen auf dem rauen Wasser, als er mit der lebendigen Überlieferung begann, die der Inka-Herrschaft vorausging:

Mein Vater erzählte mir von den alten Mythen. Der Kondor war ein Anführer, ein Schamane, der erste Gott für das Volk der

Aymara. Der Kondor ist ein Meister. Er besitzt ausgedehnte Liebe und lehrte über den Frieden und das Glück. Der Adler, oder Mamani, ist der kleine Bruder, und der Kondor, oder Mallku, ist sein großer Bruder. Zusammen formten sie eine mystische Schule, um über das Leben zu lehren. Sie luden weitere wichtige Meister ein, um über das Leben zu reden, um in Harmonie, Liebe und Wahrheit zu leben. Sie luden den Puma ein, oder Titi, für Mut, Ehre und Stärke; die Eidechse, oder Jararanku, für Meditation und Rast; die Schlange, oder Amaru, für Weisheit und Fruchtbarkeit; und den Frosch, oder Jampatu, für Fülle und Reichtum.

Da ich mit wachsendem Interesse zuhörte, fuhr Andres weiter fort, teilte mit uns den Prozess aus drei Schritten, den sein Vater jedes Jahr macht, der ihm dabei hilft, „Zeremonien zur Heilung kranker Leute auszuführen“.

Zuerst trinkt mein Vater heiliges Quellwasser, um sich zu reinigen. Als zweites badet er in heißem Quellwasser, um seinen Körper zu reinigen. Als drittes geht er auf die Spitze eines Berges, weil das ein natürlicher Tempel ist. Eine Höhle ist auch ein natürlicher Tempel. Er führt über viele Tage Zeremonien aus und besucht große Meister. Danach ist er ein Schamane und kann anderen helfen zu heilen.

Ich fragte Andres nach den Legenden über ein geheimes Kloster in einem versteckten Tal nahe des Titicacasees, wo die große Sonnenscheibe aufbewahrt wurde. Er deutete an, dass er denke, die Legende könnte wahr sein. Als ich ihn fragte, wie ich diesen Ort finden könnte, war seine Antwort: „Bete und bitte die Meister, in deinen inneren Visionen zu dir zu kommen.“ Dann sagte dieser kleine, braune, redselige Führer etwas, das mich vollkommen schockierte: „Die Aymaras glauben, dass sie aus Lemurien kommen.“

Ich bekam nicht die Chance, Andres noch mehr über die unglaubliche Behauptung zu fragen, weil unser Boot die ruhigen, flachen Totora Gewässer verlassen hatte und die schwimmenden Inseln hinter sich ließ. Wir fuhren hinaus auf die gewaltige, ungeschützte Ausdehnung des Sees. Beinahe augenblicklich wurden die Wolken rau und bedrohlich. Graue Windböen tummelten sich um unser kleines Boot und warfen es hin und her, während die von den Böen verstärkten Wellen über das Deck peitschten. Das Rio Azul schüttelte und wälzte sich in dieser eisernen Rührtrommel, brachte unser Wortgeplänkel über Reisegeschichten zum Schweigen. Ich war wahrscheinlich nicht die Einzige, die dankbar war, dass das Frühstück schon eine ganze Weile her war. Ich bin ein selbsternannter Feigling, wenn es um's Ertrinken geht, also bewegte ich mich mit einem schnellen Griff hin zu den Rettungswesten. Mallku's Antlitz, immer leuchtend vor Selbstsicherheit, ließ eine Andeutung von Angst erkennen, als die Drei-Meter Wellen zu Viereinhalb-Meter Wellen wurden und wir noch nicht in Sichtweite des winzigen Hafens der Amantani Insel waren. Ich wünschte, er hätte mir nicht gesagt, dass „die Boote hier in Peru nicht so sind wie in den Vereinigten Staaten. Sie haben keinen Bordfunk oder irgendeine Möglichkeit, um im Notfall Hilfe zu rufen.“ Falls wir untergehen würden war mein Plan der, meine knappe, sehr alte Schwimmweste in einer Hand zu halten und mit meiner anderen Hand fest Mallku's kräftigen Bizeps zu umklammern.

 

Die Insel Amantani

Ich war erleichtert, dass ich nicht meinen Eventualfall testen musste. Meine Beine waren am Zittern, als ich dankbarer Weise festen Boden betrat. Am Pier waren ein Dutzend Frauen in traditioneller Tracht versammelt, jede von ihnen mühelos Wolle mit einer Handspindel spinnend, welche jede Frau und jeder Mann fortwährend bediente. Ein Mann, der der Bürgermeister sein musste, ordnete die Touristen in jedes der Gästehäuser der Frauen zu. Wir folgten unserer Gastgeberin weit auf einen steilen Hügel hinauf zu ihrem Haus, wo wir für die Nacht Gäste sein würden. Dies sind primitive Inseln, isoliert vom Hauptfestland, wo die Menschen einfach leben. Sie haben keine Fahrzeuge oder Straßen, keine Polizei, keine Kriminalität. Die Familien, so wie ihre Vorfahren vor ihnen, leben in Lehmhütten, die in der Stadt auf den tieferen Hügeln der Insel verteilt sind. Sie hüten Schafe, Ziegen und Hühner.

Die höheren Hügel sind gezeichnet von schäbigen Feldern mit Kartoffeln, Bohnen und Gemüse, mit denen die Bauern auf einer unwahrscheinlichen Höhenlage einen kümmerlichen Lebensunterhalt erwirtschaften. Die Regierung hat kürzlich Plumpsklos auf die Insel gebracht. Ich war für die Privatsphäre und relative Hygiene einer Latrine dankbar. Die Frau, die uns bergauf zu ihrem Haus führte, musste einige Male anhalten, um zu Atem zu kommen. Ihr vom Wetter gezeichnetes braunes Gesicht war übersät mit Falten. Mallku machte zu mir eine leise Bemerkung über ihr fortgeschrittenes Alter und den Mangel an Fitness. In der Annahme, dass sie wahrscheinlich jung war, aber wie frühzeitig gealtert aussah, neckte ich Mallku „Ich wette, dass sie jünger ist als du.“ „Das kann sie nicht sein!“ sagte er, bestürzt bei dem Gedanken. Aber neugierig fragte er sie auf Spanisch: „Wie alt bist du... wenn du mir die Frage verzeihst?“ „Fünfunddreißg“, sagte sie, sich zu uns mit einem breiten Lächeln umdrehend, das mehr als nur einen fehlenden Zahn offenbarte. „Gracias,“ antwortete Mallku, seine Augen geweitet vor Ungläubigkeit. Ich kicherte, nicht in der Lage, meine Belustigung in Schach zu halten, und ganz nebenbei, ich liebe es, Recht zu haben!

 

ISBN 9783732 292448

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© Jonette Crowley, Maria Gambel